Andere Firma, andere Gepflogenheiten

Die größte Herausforderung beim Wechsel in einen neuen Job liegt nicht in der fachlichen Qualifikation, sondern in den überfachlichen Kompetenzen – nämlich wie die oder der Neue zum Unternehmen passt. Anders ausgedrückt: ob er sich mit den Gepflogenheiten in der Firma vertraut macht. Darauf kommt es nämlich an, vor allem in den ersten 100 Tagen.

Firmenkultur, das meint nicht nur das, was wohlformuliert auf der Unternehmenswebsite steht, dazu gehören in erster Linie die inoffiziellen und ungeschriebenen Spielregeln. Gerade diese geheimen Codes sind umso wichtiger, je höher man einsteigt. Schnell stößt man sonst notwendige Unterstützer vor dem Kopf, verliert an Glaubwürdigkeit und provoziert Gegenreaktionen. Unterschiedliche Unternehmen haben unterschiedliche Kulturen.

Mein Rat: mit vielen Leuten reden und vor allem zuhören. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele vernachlässigen das Hören vor lauter Sprechen, denn nach außen wirkt Zuhören passiv, auch wenn es ein hoch aktiver Konzentrations- und Denkprozess ist.

Wenn es sich um den ersten Jobwechsel handelt oder wenn man beim alten Arbeitgeber einige Jahre verbracht und interne Karriereschritte gemacht hat, ist einem die Firmenkultur des vorherigen Arbeitgebers in Fleisch und Blut übergegangen. Da hat man es nicht auf der geistigen Agenda, wie die Gepflogenheiten beim neuen Unternehmen sind. Dazu ein eindrucksvolles Beispiel, von dem ich vor einiger Zeit hörte:

Ein hochrangiger Mitarbeiter, der neu ins Unternehmen geholt worden war, hatte sich selbst aus dem Rennen für eine Geschäftsführungsnachfolge katapultiert. Man hatte ihm den Geschäftsführerposten in Aussicht gestellt, und das war kurz darauf in den Medien zu lesen. Dass er wahrscheinlich zum Geschäftsführer aufsteigen sollte, hatte er allerdings selbst der Presse gesteckt, worüber das Unternehmen ganz und gar nicht begeistert war. Eigenständige Presseaktivitäten von Mitarbeitern waren in dieser Firma ein Tabu.

„Wie kann man nur?!“, schallt es dann, und: Ungeschickter kann man sich nicht einführen. Der Meinung will ich mich nicht anschließen. Doch man hätte es vermeiden können. In seiner früheren Tätigkeit, vermute ich, war der direkte Umgang mit der Presse für den Mitarbeiter selbstverständlich, er hatte Journalisten Rede und Antwort gestanden. Hinter seiner Aktion steckt wohl ein überaus menschlicher Mechanismus: Wir neigen dazu, auf die Dinge zu vertrauen, die bislang funktioniert haben.

Gerade beim Jobwechsel müssen wir unsere vertrauten „Werkzeuge“ aber kritisch betrachten: Was passt noch? Was passt nicht mehr? Wir müssen Tabus oder Nichtthemen identifizieren, die es in jedem Unternehmen gibt. An solchen heißen Eisen sollte man sich als Neuer oder Neue nicht die Finger verbrennen. In besagter Firma, die konservativer war als der frühere Arbeitgeber des Mitarbeiters, war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass nur der Firmeninhaber Kontakt zu den Medien pflegte. Was in einer Unternehmenskultur üblich ist und funktioniert, kann in einer anderen kläglich scheitern. Beim Erkunden des neuen Mikrokosmos sind Perspektivwechsel und kritische Selbstreflexion äußerst nützliche Eigenschaften.

Dr. Barbara Schneider ist Coach, Autorin und Vortragsrednerin. Im Internet: 2competence.de

Erschienen im Hamburger Abendblatt und auf abendblatt.de

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