Chefs sollten sich einmischen können

Ich nehme an, auch in Ihrem Unternehmen ist die moderne Führungskultur des Digital Leaderships in aller Munde. Wie auch immer man es definieren mag, es scheint für alles das zu stehen, was die Führungskultur der Old Economy infrage stellt.

Wenn ich aus meinen Coachingfällen ein Resümee ziehe, dann dass manche Führungskräfte es sich unter dem Deckmantel „digitale/disruptive Führung“ etwas zu einfach machen, sie immer öfters mit solchen Sätzen delegieren wie „Klärt das unter euch“ oder, je nach Unternehmenssprache, „Feel free…“, wenn Mitarbeiter mit Fragen und Problemen zu ihnen kommen. Wir sollten uns daran erinnern, dass Sprache als Spiegel des Bewusstseins Einfluss auf unser Verhalten nimmt.

Mag sein, dass in der traditionellen Führungskultur mehr Chefs und Chefinnen dazu neigen, sich einzumischen und damit längere Entscheidungswege produzieren. Natürlich kann das – je nach Ausmaß – nerven und auch bremsen, aber es hat auch den Aspekt des Kümmerns: Mitarbeiter unterstützen, Orientierung geben, Zuständigkeitsbereiche verteidigen.

Überall heißt es, die modernen Mitarbeiter der Generationen Y und Z wollen mehr Eigenverantwortung, Entscheidungsfreiheit und Entfaltung. Aber Studien zeigen auch, dass sie sich um ihre berufliche Zukunft sorgen, ihnen unbefristete Arbeitsverträge und Werte wie Sicherheit oder Rücksichtnahme auf Familie und Freizeit wichtig sind. Auch wenn es Unterschiede zwischen den Generationen gibt, sollten wir nicht vergessen, dass es auch erhebliche Unterschiede zwischen den durchaus sehr verschiedenen Menschen einer Generation gibt.

Bevor Sie alles über Bord werfen, wagen Sie einen Blick zurück. Nie ist alles schlecht am Alten, finden Sie das Gute im Altbewährten und wertschätzen Sie es. Das gilt für jedes Change-Vorhaben. Anzutreten mit dem Veränderungswahn „Hier bleibt kein Stein mehr auf dem anderen – alles nicht mehr zeitgemäß“ hat noch nie funktioniert. Kein Führungskonzept hat sich bisher als ultimativ richtig erwiesen, denn Menschen und Organisationen sind höchst unterschiedlich. Viele Führungsfunktionen wie zum Beispiel Kommunikator, Konfliktmanager, Kontrollinstanz, Orientierungsgeber bis Vertrauensperson und Vorbild dagegen sind sinnvoll.

Führung ist tägliche Arbeit, sonst bräuchten wir sie nicht. Ein Führungsstil, der weitgehend auf das Eingreifen von Führungskräften in die Arbeitsabläufe verzichtet, kann an bestimmten Stellen zielführend sein, ist aber nicht immer und überall die Lösung. Die Balance zu finden zwischen Fortsetzung und Flexibilität, zwischen Verantwortungsübernahme und -abgabe ist eine Herausforderung. Und eine Frage der Erfahrung.

Ein Kommentar von Barbara Schneider, 2competence, erschienen im Hamburger Abendblatt am 12. Mai 2018

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