Prestige-Projekt statt Aschenputtel-Aufgaben

Frauen leiden häufig unter dem Dornröschen-Syndrom, wenn es um ihre eigene Karrierelaufbahn geht: abwarten und schweigen. Stattdessen sollten sie lieber kein Geheimnis aus den eigenen Ambitionen machen, denn schließlich kann keiner Gedanken lesen. Diesen und andere wertvolle Tipps für Frauen auf dem Weg nach ganz oben hat die Karriereberaterin und Bestselller-Autorin Barbara Schneider.

Frau Dr. Schneider, woran liegt es, dass nach wie vor Männer die besseren Jobs bekommen?

Im Prinzip an drei Haupthürden. Erstens an den männlich geprägten Macht- und Managementstrukturen, den inoffiziellen Spielregeln und Beförderungsmechanismen im sogenannten ‘inner circle’, in dem Frauen immer noch fehlen. Dieses Fehlen hat dann zur Folge, dass man Frauen gar nicht auf dem Zettel hat, wenn die Beförderungsspiele laufen. Vielleicht grenzen Männer Frauen nicht bewusst aus, sondern vielmehr die eingefahrenen Denk- und Verhaltensweisen, die Vorstellung darüber, wie ein Chef sein sollte. Zweitens die Vereinbarkeit beziehungsweise Unvereinbarkeit von Kind und Karriere. Frauen tragen hier immer noch den Löwenanteil der Mehrfachbelastung. Die bewusste Wahl eines zu den eigenen Berufs- und Lebensvorstellungen passenden Partners ist ein nicht unwesentlicher Erfolgsfaktor für die weibliche Karriere. Und drittens: frauentypische Bremsen und Blockaden wie zu wenig Selbstmarketing und zu viele Selbstzweifel. Frauen neigen dazu, ihr Licht unter den Scheffel und sich selbst in Frage zu stellen, gucken erstmal genau da hin, was sie noch nicht können, wo sie noch nicht perfekt sind. Dies führt dazu, dass sie sich selbst zurückhalten, während die lieben Kollegen mit Mut zur Lücke an ihnen vorbeiziehen.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen? 

Mein eigenes Schlüsselerlebnis vor Jahren war, als ich eine Woche um eine Stellenanzeige gekreist bin, von der ich dachte, die ist locker anderthalb Nummern zu groß. Die Freundinnen, mit denen ich mich damals besprach, haben mich allesamt in meinen Selbstzweifeln bestätigt. Das war nett gemeint und durchaus angenehm, brachte mich aber nicht weiter. Die Reaktion eines Mannes: ‘Mensch, Barbara, wo ist das Problem? Wenn du fünf Leute führen kannst, kannst du auch fünfunddreißig führen.’ Ein wahrer wake-up-call! Und mit der Stelle hat es auch geklappt.

Fühlen sich Männer von erfolgreichen Frauen bedroht?

Da müsste man die Männer fragen. Nein, im Ernst, natürlich sind die Zeiten definitiv vorbei als es gerne mal hieß, Frauen laufen außer Konkurrenz. Sie sind längst Mitbewerberinnen auf Augenhöhe und die begehrten Posten und Pöstchen wachsen nun mal nicht in den Himmel, demografischer Wandel hin oder her. Und die Formel ist ja ganz einfach: mehr Frauen in Führungspositionen bedeuten zwangsläufig weniger Männer. Aber der, der um seinen Stuhl fürchtet, fühlt sich in der Regel nicht nur von Frauen bedroht, sondern auch von Männern.

Sie sprechen in Ihrem Buch vom sogenannten ‘Dornröschen-Syndrom’. Welche sind die größten Fehler, die Frauen in Bezug auf Ihre Karriere häufig machen?

Abwarten und schweigen. Im stillen Kämmerlein zu hoffen und zu warten, dass der Chef oder der Personaler sie entdeckt statt klar zu sagen: Da will ich hin oder das stelle ich mir als Nächstes vor. Hinzu kommt, dass die meisten Männer unterschwellig annehmen, wenn eine Frau nichts sagt, dann ist sie zufrieden und will gar nicht weiterkommen. Learning: kein Geheimnis aus den eigenen Ambitionen machen, sondern deutliches Interesse an einem Projekt oder einer Position zeigen. Schließlich kann niemand Gedanken lesen. Ruhig mal lästig sein und nerven mit der Idee, ein Jahr in die New Yorker Niederlassung zu gehen. Das setzt natürlich voraus, dass ich mich in regelmäßigen Abständen mit meinen Vorstellungen und Zielen auseinandersetze: Was bedeutet Erfolg für mich? Will ich eine Abteilung leiten? Ein ganzes Unternehmen? Oder will ich mein eigenes Unternehmen? Welchen Preis muss ich dafür zahlen? Ist es mir das wert? Und so weiter. Ein weiterer Stolperstein ist, dass Frauen dazu neigen, die Fachlichkeit zu überschätzen und Themen wie Selbstmarketing, Selbstpräsentation, Networking unterschätzen.

Wie können sich Frauen denn effektiv selbst vermarkten?

 Erstens: Eigenes Zutrauen offensiv demonstrieren statt zu zögern und zu zweifeln. ‘Ich weiß gar nicht, ob ich schon soweit bin’ – Bei solchen Sätzen geht bei Männern die rote Lampe an: ‘Jetzt, wo Sie das sagen…’ Die Regel lautet: Wenn man sich selbst etwas zutraut, trauen es einem auch die Anderen zu. Ich bekam vor kurzem aus heiterem Himmel das Angebot, ein Aufsichtsratsmandat zu übernehmen. Da habe ich keine Sekunde (mehr) gezögert und zugegriffen. Jetzt befasse ich mich eben mit Rechten und Pflichten und dem Corporate Governance Kodex. Learning: die meisten Angebote kommen nur einmal im Leben und in die meisten Aufgaben wächst man hinein. Zweitens: Selbstmarketing funktioniert nicht von selbst, sondern muss systematisch und regelmäßig im Arbeitsalltag betrieben werden. Dabei hilft, sich klar zu machen: okay, ich bin gut, aber das alleine reicht nicht. Ich muss das auch kommunizieren und dafür sorgen, dass Andere davon erfahren, worin ich gut bin, woran ich gerade arbeite, dass mir die Verhandlung mit dem neuen Kunden gut gelungen ist und so weiter. Learning: positiv über sich und die eigenen Leistungen und Ergebnisse sprechen statt ständig über das zu reden, was alles noch nicht läuft, wo man noch nicht perfekt ist. Drittens: Männer achten stark auf Statussymbole. Das sind nicht nur die offiziellen wie der dicke Dienstwagen oder das große Büro, sondern vor allem auch die inoffiziellen wie Projekte, Personen oder Aufgaben, die Statussymbolcharakter haben. Frauen neigen dazu, Assistenzaufgaben zu übernehmen, mal eben den Kaffee zu holen oder Kopien zu machen, auch wenn sie gar nicht die Assistentin sind. Es geht nicht darum, dass man sich einen Zacken aus der Krone bricht, aber um die Wirkung. Damit haftet einem schnell das Etikett ‘fleißige Sachbearbeiterin’ an. Als potenzielle Führungskraft werden sie aber nicht wahrgenommen. Learning: Sich lieber mal ans Prestige-Projekt trauen als immer nur Aschenputtel-Aufgaben übernehmen, die nichts bringen.

Warum kommt dem Aufbau von weiblichen Karriere-Netzwerken eine so hohe Bedeutung zu und wie kann man sich am leichtesten ein solches Netzwerk aufbauen?

Zunächst ist ein tragfähiges Netz nicht mal eben dadurch aufgebaut, dass ich mich in einigen Netzwerken anmelde, sondern es ist das Ergebnis von regelmäßigem Sich-blicken-lassen, Kontaktauf- und ausbau. Eine ‘typische’ Frauenfalle: keine oder kaum Zeit in Netzwerken zu investieren. Oftmals herrscht noch der Gedanke vor, das hält mich doch nur von der eigenen Arbeit ab oder das schaffe ich auch allein. Das ist ein Irrglaube. Netzwerken ist Arbeit und gehört von Anfang an auf die Agenda, im Unternehmen genauso wie außerhalb. Deshalb sollte man neben einem weiblichen Karriere-Netzwerk immer auch auf gemischte Netzwerke setzen. Der Mix macht’s. Neben formellen Netzwerken sind es aber oftmals auch die kleinen Begegnungen an der Bar oder beim inoffiziellen Teil von Veranstaltungen an den berühmten Stehtischen. Dort beim Pausenplausch bekommt man die Insider-Informationen oder entstehen Kontakte, die einen beruflich weiterbringen. Betrachten Sie Netzwerken wirklich als einen Teil Ihrer Arbeit und lassen Sie die prestigeträchtige Dienstreise oder Einladung zu einem Kongress bloß nicht sausen, ‘nur’ weil der Schreibtisch mal wieder überquillt. Je höher Sie steigen, umso wichtiger werden Beziehungen und Verbündete. Sie brauchen Relationship-Kompetenzen und Sie brauchen Befürworter für den nächsten Karrieresprung.

Welche Vorteile bietet Ihrer Meinung nach der Berufsstart bei einem Beratungsunternehmen? 

Beratungsunternehmen bieten insofern einen Top-Einstieg, da man immer wieder mit neuen Teams an neuen Aufgaben und Projekten arbeitet, somit kontinuierlich die eigenen fachlichen wie überfachlichen Kompetenzen schult und erweitert. Dieses sehr frühe In-Kontakt-kommen mit Menschen in unterschiedlichen Organisationen, Kulturen, Hierarchien und Positionen ist aus meiner Sicht ein unbezahlbarer Erfahrungsschatz. Und apropos Netzwerken: die meisten Professional Service Firms bieten ein professionell organisiertes Alumni-Netzwerk, von dem man ein Leben lang profitiert.

Erschienen auf juniorconsultant.net


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