Werden Sie bewusster bei Beförderungen

Ein Kommentar von Barbara Schneider, erschienen im Hamburger Abendblatt v. 14./15.07.2018

Es ist Halbzeit. Nein, ich spreche nicht vom Fußball, sondern vom Jahr 2018. Ein willkommener Anlass, mein Herzensthema „Frauen in Führung“ wieder in die Köpfe von Entscheidern zu bringen. Viel hat sich nicht getan. Leider.

An Erkenntnissen fehlt es nicht, es mangelt an der Umsetzung. Studien bestätigen immer wieder den geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen in Deutschland, der umso geringer ist, je höher die Hierarchieebene und je größer das Unternehmen. Letzteres ist umso erstaunlicher, da sich gerade in Konzernen bei der Führungskräftesuche und -entwicklung jede Menge Auswahlverfahren, Assessment-Center, Persönlichkeitstests großer Beliebtheit erfreuen. In dem Glauben, dass diese vermeintlich objektiven Filtersysteme Frauen faire Karrierechancen bieten würden.

Denkste! Der Knackpunkt: Meistens sind es Männer, die Frauen bewerten. Und je höher die Position, desto informeller und intransparenter die Rekrutierungsprozesse. Vorstandsberufungen sind gehütete Betriebsgeheimnisse. Man will seinen Kandidaten durchdrücken und sich nicht in die Karten schauen lassen. Dieses Männer-förder-Männer-Phänomen schreiben Soziologen dem Ähnlichkeitsprinzip zu: Man wählt jemanden aus, der vertraut erscheint. Und da scheinen Männer den meisten Männern erst mal vertrauter als Frauen.

Dahinter steht das Motiv, das hohe Unsicherheitsrisiko, das im Managementalltag herrscht, zu reduzieren, oder der Glaube oder Irrglaube, man könnte es dadurch reduzieren. Das Resultat: homogene Chefetagen statt bunter Management-Mischung. Zudem spielt der Gedanke, im Unternehmen könnte der Eindruck entstehen, der Einstellende habe kein glückliches Händchen bei der Personalauswahl, eine Rolle. „Eine Frau hatten wir hier noch nie“, heißt es dann. Statt „Risikobesetzung“ geht man lieber auf Nummer sicher. Es liegt nicht daran, dass es den Frauen an Fach- oder Führungskompetenz mangelt.

Natürlich treffen diese Vorurteile nicht nur Frauen. Und natürlich haben auch Frauen Vorurteile. Unser Gehirn bevorzugt Denkabkürzungen, also greifen wir zu Stereotypen. Von einer Frau als Chefin wird Einfühlungsvermögen erwartet. Ein Mann bekommt dafür extra Anerkennung. Jahrzehntelang geprägte Vorurteile müssen bewusst gemacht werden. Tatsächlich ist es nicht leicht, diese Vorurteile aus unseren Köpfen zu kriegen. Doch wer das Potenzial von Diversität und Chancengleichheit heben will, sollte dafür sorgen, dass die Vorurteile systematisch in den Personalentscheidungsprozessen abgebaut werden. Denn dann werden die besten Leute befördert und nicht die ähnlichsten.

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